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One Billion Rising – Nicht alle können tanzen

Jede dritte Frau erlebt im Laufe ihres Lebens Gewalt. Wir kennen die Zahl. Wir zitieren sie. Und doch bleibt sie abstrakt, weil das Ausmaß kaum auszuhalten ist.

One Billion Rising macht diese Zahl sichtbar. Menschen tanzen laut in der Öffentlichkeit. Ein starkes Zeichen gegen Gewalt und gegen das Schweigen.

Ich war dieses Jahr nicht dabei.

Nicht, weil mir das Thema nicht wichtig oder fern wäre, ganz im Gegenteil. Aber manchmal reicht die Kraft nicht.

Gewalt endet nicht mit dem Ereignis. Sie wirkt nach, oft unsichtbar und über Jahre hinweg. Sie verändert, wie Menschen sich bewegen, wie viel Nähe sie zulassen, wie laut sie sein können. Manche kämpfen sichtbar, andere leise. Widerstand kann ein Tanz auf der Straße sein oder das bloße Aufstehen am nächsten Morgen. Beides braucht Kraft.

Widerstand ist nicht immer laut. Manchmal besteht Stärke darin, nicht liegenzubleiben.

Sichtbarkeit reicht nicht

Solche Aktionen sind wichtig. Sie machen sichtbar, was viel zu oft unsichtbar bleibt. Aber Sichtbarkeit allein reicht nicht. Ebenso wichtig wäre, dass Systeme besser zuhören: dass Betroffene ernst genommen werden, dass Jurist*innen hinschauen, dass Institutionen nicht zuerst sich selbst schützen.

Manchmal fühlt sich der öffentliche Protest stark an. Aber zugleich bleibt eine große Leerstelle für diejenigen, die mit ihrer eigenen Geschichte weiterleben müssen. Während die Welt tanzt, wird die Stille für die, die nicht können, manchmal noch lauter. Solche Taten machen einsam. Und eigentlich ist der Gedanke schön, mal nicht allein da zu stehen, sondern gemeinsam zu tanzen – wenn es denn auszuhalten wäre. Dieses Jahr war es das nicht.

Stärke ist kein Maßstab

Der Spiegel berichtet diese Woche wieder über Gisèle Pelicot, die ich für ihr Rückgrat, für ihre Kraft und Stärke zutiefst bewundere. Diese Kraft ist außergewöhnlich, und nicht jede Frau kann oder will so öffentlich mit ihrer Geschichte umgehen. Jede kämpft so, wie sie kann, und wir dürfen nicht erwarten, dass alle denselben Weg wählen. Gisèle Pelicots Mut ist ein Leuchtturm, aber kein Maßstab, an dem sich jede Betroffene messen lassen muss.

Mehr als Einzelfälle

Die Dunkelfeldstudie, die diese Woche den Weg in die Medien geschafft hat, macht deutlich, dass die Zahlen noch viel größer und unvorstellbarer sind und dass nur ein Bruchteil der Täter überhaupt angezeigt und noch weniger für ihre Taten bestraft werden.

Die Zahl bleibt groß. Abstrakt, unvorstellbar. Aber hinter ihr stehen Menschen mit Geschichten, mit Brüchen, mit unterschiedlichen Wegen zurück ins Leben. Menschen, die ihren eigenen Kampf kämpfen und deren Kraft für mehr manchmal nicht reicht.

Die oft geforderte Verschiebung von Scham weg von Betroffenen gelingt nicht automatisch. Für viele bleibt sie ein stiller Begleiter, gerade dann, wenn Täter unbehelligt bleiben.

Wenn die Bilder laut werden

Und selbst die kraftvollen, teils fröhlichen Bilder solcher Aktionen können das Gefühl verstärken, mit der eigenen Geschichte allein zu sein. Gerade in Momenten, in denen die Welt laut und sichtbar gegen Gewalt protestiert, kann sich diese Einsamkeit paradoxerweise verstärken. Dann muss es okay sein, nicht mitzutanzen und einfach irgendwie weiterzumachen.

Zumindest dieses Jahr.

Es. Tut. Weh.

Ich habe einen Sieg errungen, der sich anfühlt wie eine Niederlage. Der Täter wird Konsequenzen tragen müssen – welche genau, werde ich nie erfahren. Ich halte ein Schreiben in den Händen. Darin steht: „übers Ziel hinausgeschossen“. Und: „Er bedaure“. Die Formulierungen zerreißen mich innerlich.

Das ist, was bleibt. Ein lapidares „Upsi“, während mein Leben in Trümmern liegt. Ich sitze hier mit zitternden Händen, Herzrasen und Bildern im Kopf, die nicht verschwinden wollen. „Übers Ziel hinausgeschossen“, sagt er – dabei war es Grenzüberschreitung. Übergriffigkeit. Machtmissbrauch. Missbrauch.

Aber ja: Das Verhalten wird – wie auch immer – geahndet. Ich habe also „gewonnen“. Irgendwie. Doch die Wahrheit ist: Ich hatte von Anfang an verloren.

Der eigentliche Verlust begann viel früher. In dem Moment, in dem mein Körper nicht mehr mir gehörte. In dem mein Kopf nur noch Flucht plante, ich aber eingefroren bin. Überlebt habe ich irgendwie – neben mir stehend.

Heute habe ich eine Diagnose: PTBS. Ich gehe mit Pfefferspray durch Tag und Nacht. Ich zucke bei Geräuschen zusammen. Ich kann Menschen nicht mehr trauen. Ich fühle mich selten sicher – nicht einmal in meinem eigenen Körper. Und selbst wenn ich mich doch mal sicher fühle, triggert irgendetwas ganz Banales. Mein Nervensystem weigert sich, zur Ruhe zu kommen. Ich habe gelernt, meine Angst zu tarnen, damit niemand sieht, wie kaputt ich bin.

Ich habe gehofft, dass es etwas verändert, wenn ich spreche. Dass sich etwas bewegt, wenn ich den Mut finde, nicht nur zu erleiden, sondern zu benennen. Doch dann kam der Brief. Und da stand nicht Gerechtigkeit. Da stand nicht Anerkennung. Da stand: „Er bedaure“. Da stand: „schwierig“. Da stand sinngemäß: Ups.

Ich könnte schreien. Stattdessen: Schmerz. Ohnmacht. Ich wünschte, ich könnte das herausschreien.

Wie soll ich nun reagieren auf eine Welt, die mich so beiläufig abtut? Wie soll ich weiterleben in einem Körper, der dauernd Alarm schlägt, während das System Akten schließt? Das System schützt sich selbst. Nicht mich.

Ich bin müde. Nicht nur von den Nächten, in denen ich nicht schlafen kann. Sondern von der Dauer dieser Unsicherheit. Der Einsamkeit. Der ständigen Frage: Bin ich zu empfindlich? Und ich weiß: Diese Frage ist nicht meine. Sie wurde mir vom System aufgeladen. Müsste es jetzt nicht so langsam mal gut sein? Ich wünschte, das wäre so. Wenn ich das beschließen könnte: sofort. Zack, alles wieder gut. Aber so funktioniert das nicht.

Was bleibt: Keine Antworten. Keine Heilung. Nur Narben.

Dieser Brief, der irgendwie Gerechtigkeit bedeuten soll, reißt in mir alles noch einmal auf. Er macht auf schmerzhafte Weise klar: Selbst wenn man alles „richtig“ macht, bleibt man zurück – mit Schmerz, mit Misstrauen, mit einem Leben, das nie wieder wird wie vorher. Ich habe keine Gerechtigkeit erlebt. Ich habe einen Verwaltungsakt erlebt. Einen, der mir formal Recht gibt, aber menschlich alles falsch macht. Der sagt: Ja, das war nicht in Ordnung. Und gleichzeitig: Aber auch nicht schlimm genug, um es beim Namen zu nennen.

Was bleibt, bin ich. Mit einem zerschlagenen Sicherheitsgefühl. Mit einem Körper, der sich fremd anfühlt. Mit einem Leben, das nicht wieder leicht geworden ist. Die Scham ist nicht gegangen. Sie ist nur tiefer reingekrochen.

Trotzdem sprechen. Trotzdem da sein. Ich schreibe das nicht, weil ich abgeschlossen habe. Ich schreibe das, weil ich es nicht länger in mir einschließen will. Weil ich nicht mehr schweigen möchte, nur weil der Raum keine Sprache für meinen Schmerz kennt.

Es wird wieder passieren. Nicht nur mir. Anderen Frauen. Immer wieder. Und jedes Mal wird jemand sagen: „Missverständnis“. „Übers Ziel hinausgeschossen“. „Bedauerlich“. Und jedes Mal wird jemand hoffen, dass wir es leise ertragen. Dass wir es schlucken.

Aber ich bin hier. Nicht geheilt. Nicht stark. Aber wach.

Und wenn ich schon mit dieser Scham leben muss, dann soll sie wenigstens nicht mehr unsichtbar sein. Dann soll wenigstens klar sein:
Ich war nicht das Problem. Ich bin nicht das Problem.

Vielleicht liest das eine, die denkt: Ich dachte, ich bin allein mit diesem Gefühl.
Du bist es nicht. Und vielleicht reicht das für heute.

Ob das alles strafrechtliche Konsequenzen haben wird? Das liegt bei der Staatsanwaltschaft. Eine Einstellung des Verfahrens wäre keine Überraschung. Aber eine weitere, tiefe Verletzung.