Ein Jahr danach
Morgen ist ein schlimmer Jahrestag für mich. Vor einem Jahr ist etwas passiert, dass mich traumatisiert und retraumatisiert zurückgelassen hat. Aber zum ersten Mal habe ich mich gewehrt, habe Beratung und Begleitung gesucht und gefunden, habe einen Anwalt eingeschaltet, Anzeige erstattet, bei der Kripo ausgesagt, was mich – obwohl die Kommissarin korrekt und einfühlsam war – das Ganze noch einmal hat durchleben lassen, entsprechend schlecht ging es mir danach. Ich habe mich bei der zuständigen Kammer beschwert und von dort sogar ein bisschen Recht bekommen, für ein du-du-du hat meine schriftliche Schilderung des Vorfalls wohl ausgereicht.
Der Weg durch die Verfahren
Dann kam das Schreiben der Staatsanwaltschaft: eingestellt, mit einer für mich inakzeptablen Begründung. Nach Beratung mit meinem Anwalt: nächste Instanz. Die Einstellung der Generalstaatsanwaltschaft habe ich aus dem Briefkasten gefischt, als ich im Dezember aus dem Krankenhaus nach Hause kam…
Mit meinem Anwalt habe ich erst am vergangenen Freitag ein Gespräch gehabt. Ergebnis: wir ziehen nicht vors Oberlandesgericht: noch geringere Erfolgsaussichten, dafür hohe Kosten.
Und ehrlich gesagt: ich bin müde. Ich möchte so gerne abschließen.
Hat die Scham die Seite gewechselt?
Richtig wäre es. Aber ich fürchte, für den nun ungestraft davongekommenen Täter hat es keine Bedeutung, an ihm wird es wie an Teflon abgeperlt sein, er kann einfach weitermachen.
Ausgangspunkt für den Übergriff waren meine Parteizugehörigkeit, meine Werte und meine Haltung. Es ging ihm darum, mich klein zu machen, einzuschüchtern, zu entwerten und zum Schweigen zu bringen.
Und ich? Scham ist das kleinste meiner Probleme. Es geht mir besser, aber ich habe immer noch zu kämpfen und mache mir Sorgen, dass Ekel, Angst und die Erinnerung an den Schmerz jetzt nie mehr aufhören. Es bleibt jetzt immer wieder mal weg, aber meldet sich dann mit voller Wucht zurück, wenn ich gar nicht damit rechne.
Was im Körper bleibt
Manchmal treffen mich Trigger, oft reicht nur ein einziges Wort und ich friere ein. An anderen Tagen macht es mir gar nichts, aber es ist vollkommen unvorhersehbar, wann und wie das passiert. Was ich gelernt habe: Dass mein Körper reagiert, ist kein Rückschritt. Es ist eine Erinnerung daran, dass etwas passiert ist, das nicht hätte passieren dürfen.
Straflosigkeit ist kein Einzelfall
Dass es folgenlos bleibt, ist nicht allein mein Problem. Es ist ein Problem für Frauen, beinahe immer und beinahe überall: dort, wo Macht schützt und Aussagen gegeneinander aufgerechnet werden. Hier habe ich schon einmal darüber geschrieben, wie strukturelles Schweigen und institutionelles Wegsehen Betroffene zusätzlich belasten.
Weitergehen
Ich muss mit den Folgen klarkommen. Der Täter kann einfach weitermachen.
Ich gehe weiter. Nicht, weil alles gut ist, sondern weil ich muss. Weil ich will, weil ich nicht aufgeben will.

Die Idee: Die Macht von Big Tech beruht darauf, dass wir ihre Dienste täglich benutzen – und wir können sie ihnen auch wieder entziehen. Mit kleinen, machbaren Wechseln (z. B. bei Social Media, Shopping oder Streaming) holen wir uns Stück für Stück digitale Souveränität zurück.
