Bild der Woche 2026 – 0/52

Immer sonntags werde ich hier mein Bild der Woche posten.

Keine guten Vorsätze

Das Jahr neigt sich dem Ende zu und in vielen Blogs wird derzeit zurückgeschaut, aber ich mag dies Jahr nicht zurückblicken, zumindest nicht ausführlich.

Das hier ist kein Rückblick. Es ist ein Abhaken. Ein Weglegen. Ein Jahr, das ich nicht noch einmal durchkauen muss, um es loszuwerden. Ich schulde diesem Jahr keine versöhnliche Deutung. Und niemandem eine Geschichte darüber, „was es mich gelehrt hat“.

2025 kann weg. Konnte es eigentlich von Anfang an.

Für mich war es ein richtiges Scheißjahr, und so übel wie es anfing geht es nun auch zu Ende. Ging los im Januar mit Missbrauch (und der Täter kommt strafrechtlich ungeschoren davon), im Sommer mein Radunfall, zwei Todesfälle, und ein paar Tage vor Weihnachten die zweite Blaulichtfahrt ins Krankenhaus in diesem Jahr. Diesmal kein Unfall, sondern ein deutlicher Warnschuss meines Körpers, endlich ein bisschen besser auf mich aufzupassen. Na gut, das nehme ich mir dann mal für 2026 vor. Wird höchste Zeit, vom Überlebensmodus auf Leben umzuswitchen.

2025 hatte ich wenig Raum für die Dinge, die ich gerne mag und die mir gut tun. Zu viel zu tun damit, die Kontrolle zurückzugewinnen und das posttraumatische Belastungszeugs in den Griff zu kriegen. Ich habe privat kaum fotografiert, geschrieben oder gebloggt, selbst im Sommerurlaub in China war ich mit angezogener Handbremse unterwegs. Keine Energie gehabt. Wenn ein Jahr vom Überleben bestimmt ist, dann ist Rückzug kein Versagen, sondern Notwendigkeit. Stillhalten war keine Schwäche, sondern Selbstschutz.

Also, Pläne (klingt doch viel ernsthafter als „gute Vorsätze“, oder?) für 2026

Keine guten Vorsätze. Eher Leitplanken. Dinge, die mir helfen sollen, nicht wieder nur zu funktionieren. Keine Selbstoptimierung. Nur ein Gegenentwurf zu einem Jahr, das mich nur funktionieren ließ.

  • Gesundheitsbaustellen in den Griff kriegen mit allem was dafür nötig ist
  • mehr und regelmässig fotografieren – vielleicht doch wieder ein 52-Wochen- oder 365-Tage-Projekt?
  • mehr und regelmässig schreiben -vielleicht ist 2026 dann doch mal was soweit, dass ich es vorzeigbar finde?
  • mehr und regelmässig bloggen – das plane ich fest ein
  • mehr Musik machen
  • Reisen: voraussichtlich in den Winterferien nach Helsinki, im kommenden Winter dann in die Sonne
  • meinen Optimismus wiederfinden und dran festhalten

Alles davon darf klein anfangen. Alles davon darf Pausen haben. 2026 muss nicht groß werden. Es reicht, wenn es wieder mehr meins ist.

Weihnachtsmarkt in Magdeburg – Ein Jahr danach

Adventskalender – 8. Dezember

Einige Mitglieder des Bloghexen-Forums haben einen gemeinsamen Blog-Adventskalender erstellt. Ich öffne heute Türchen Nummer 8 für Euch.

Auf allen teilnehmenden Blogs findest du vom 1. bis 24. Dezember spannende, kreative, festliche oder nachdenkliche Beiträge rund um Weihnachten und den Winter. Die Beiträge sind so unterschiedlich wie unsere Blogs und ein schöner Ausschnitt aus der Blogosphäre.

In meinem Beitrag geht es um den Magdeburger Weihnachtsmarkt – und das ist nach dem Anschlag am 20. Dezember 2024 ein schwieriges Thema. In meinem ersten Jahr in Magdeburg habe ich den Weihnachtsmarkt (nicht nur, aber auch wegen einer Gehirnerschütterung) kaum zur Kenntnis genommen. Aber im letzten Jahr, da habe ich  mich schockverliebt und war total verzaubert vom Weihnachtsmarkt – bis uns alle dann der Schock des Anschlags getroffen hat.

Und nun?

Magdeburg im Lichterglanz

Im Zauberwald (St. Adalbert/Reform, an den Adventswochenenden 16-20 Uhr)

Magdeburg strahlt wieder. An vielen Orten duftet es nach Glühwein und Gebäck, überall funkeln die Installationen der Lichterwelt. In den Stadtteilen fanden und finden Weihnachtsmärkte statt, die Schweizer Milchkuranstalt hat ihren Wintergarten eröffnet und auf dem Alten Markt steht wieder der Weihnachtsmarkt.

Und doch trägt dieser Winter eine besondere Schwere in sich.

Wenn ich durch die Stadt streife, fällt mir auf, wie sehr sich das Licht verändert hat. Oder vielleicht die Art, wie wir es in diesem Jahr sehen. Es ist heller, weil wir es brauchen. Es ist emotionaler aufgeladen, weil es uns an etwas erinnert, das uns allen nahegegangen ist.

Ein Jahr danach: Der Anschlag und seine Spuren

Vor einem Jahr war Weihnachten schon vor Heiligabend vorbei. Der Anschlag am 20. Dezember auf den Weihnachtsmarkt hat uns alle tief erschüttert. Nicht nur durch die unmittelbare Gewalt, sondern durch das Gefühl der Verletzlichkeit, das zurückblieb. Die Willkür, der Zufall, wen es unmittelbar getroffen hat und dass man selbst davongekommen ist. Die Tage danach waren geprägt von Trauer, Fassungslosigkeit und dem Bedürfnis nach Zusammenhalt.

Im Zentrum werden wir an fast jeder Ecke daran erinnert, dass es nicht mehr ist wie vor dem Anschlag. Unübersehbare Polizeipräsenz, Innenstadt gesperrt für LKWs, und dann die Mauer aus Betonklötzen, die sich rund um den Weihnachtsmarkt zieht.

Keine drei Kilometer vom Anschlagsort entfernt findet gerade der Prozess gegen den Attentäter statt. Das macht alles nicht gerade einfacher.

Zwischen Trauer, Solidarität und Alltag

Wenn man in diesem Jahr über den Weihnachtsmarkt geht, begegnet man Menschen, die sehr Unterschiedliches fühlen. Einige besuchen den Markt bewusst, um unter der Devise „jetzt erst recht“ Solidarität zu zeigen. Andere genießen die Atmosphäre, aber mit leiser Bremse im Hinterkopf. Und wieder andere bleiben fern, weil der Ort sich für sie noch nicht richtig anfühlt.

All diese Reaktionen sind legitime Wege, mit dem Geschehen umzugehen. Niemand verarbeitet ein solches Ereignis gleich. Die Stadt ist ein Mosaik aus Geschichten, und jede einzelne davon verdient Respekt.

Der Weihnachtsmarkt heute: eine besondere Stimmung

Viele der vertrauten Dinge sind wieder da: der Klang der Karussells und der dusselige Elch, die Reihen aus Holzbuden voller Handwerk, Gebäck und dampfender Tassen, wenn auch in anderer Anordnung. Gleichzeitig wirkt manches dieses Jahr intensiver. Ein bisschen bewusster vielleicht.

Die Atmosphäre ist nicht bedrückt, aber in sich ruhender. Es ist nicht das laute Fest früherer Jahre. Es ist ein Weihnachtsmarkt, der mitatmet.

Es fühlt sich manchmal merkwürdig an, an einem Ort Freude zu empfinden, an dem vor einem Jahr Menschen verletzt wurden und die Stadt kollektiv erschüttert war. Diese Ambivalenz ist normal. Sie sagt nicht, dass wir vergessen. Sie sagt, dass wir Menschen sind.

Freude und Nachdenklichkeit haben Platz nebeneinander.

Die Gedenksteine in der Hartstraße mit Kerzen und Blumen – für viele der Zugang zum Weihnachtsmarkt, direkt daneben der Mittelaltermarkt. Man freut sich auf einen unbeschwerten Weihnachtsmarktbummel, und plötzlich ist die Erinnerung an den Anschlag und die Opfer unmittelbar präsent. Raum ist für viele Gefühle und alles kann gleichzeitig wahr sein.

Die Lichterwelt

Überall in der Stadt funkeln und leuchten die Installationen der Lichterwelt und besonders auf dem Domplatz finde ich sie auch in diesem Jahr richtig schön. Ruhiger als der Weihnachtsmarkt. Mehr Platz. Und die Kulisse mit Dom, Landtag und Hundertwasserhaus gibt dem einen wirklich schönen Rahmen.

Der Wintergarten der Schweizer Milchkuranstalt

Mein persönlicher Favorit ist derzeit der Wintergarten der Milchkuranstalt. Sowieso ein schöner Ort, um sich zu treffen, ist die Stimmung jetzt mit den Holzbuden, mit dem Duft nach Glühwein und Grünkohl rundum schön. Außer Getränken und Leckereien gibt es hier nichts zu kaufen, keine Karussels, die das ganze trubeliger machen könnten. Für mich der perfekte Ort für ein Feierabendgetränk.

Stilles Gedenken am 20. Dezember: Menschen-Lichter-Kette

Am 20. Dezember hat der Weihnachtsmarkt geschlossen. Um 18 Uhr beginnt mit der Kerzenausgabe ein stilles Gedenken. Rund um den Weihnachtsmarkt soll ab 18:30 Uhr eine Menschen-Lichter-Kette entstehen. Um 19:02 – dem Zeitpunkt des Anschlags – werden die Glocken der Stadt läuten.

Es ist in Ordnung – egal, wie man sich entscheidet

Ein Jahr nach dem Anschlag ist nichts „normal“ und doch gehen wir weiter. Manche Menschen zieht es in diesen Wochen bewusst auf den Weihnachtsmarkt, weil sie sich Licht, Gemeinschaft und ein Stück Alltag zurückholen wollen. Andere meiden die Innenstadt oder fühlen sich noch nicht bereit dafür. Beides ist vollkommen legitim.

Der Weihnachtsmarkt und die Lichterwelt sind Orte, an denen Magdeburg zeigt, dass die Stadt zusammenhält, dass sie sich nicht einschüchtern lässt, aber auch, dass sie Trauer und Erinnerung Raum gibt. Freude und Nachdenklichkeit schließen sich nicht aus; sie existieren Seite an Seite.

Wenn du hingehst, darfst du genießen. Wenn du nicht hingehst, ist das genauso richtig. Wichtig ist, dass wir einander diese Entscheidungen zugestehen, ohne Bewertung, ohne Druck.

Magdeburg leuchtet wieder. Vielleicht etwas leiser, aber dafür umso entschlossener. Und jede:r findet den eigenen Weg, damit umzugehen.

Dieser Artikel ist mein Beitrag zum Bloghexen-Adventskalender: Türchen Nummer 8. Alle 24 Türchen findet Ihr hier: Bloghexen Adventszauber.

 

Ich will nicht Eure Tochter sein

Über Männergewalt, Rassismus und politische Heuchelei.

Nicht unsere Töchter. Sondern eure Doppelmoral.

In diesen Tagen wird wieder über „Sicherheit“ gesprochen. Über „Probleme im Stadtbild“, über „unsere Töchter“. Und über die Frage, wer angeblich dazugehört – und wer nicht.

Mir wird schlecht davon. Denn im Gegensatz zu den Männern, die jetzt so daherreden, weiß ich, wie es ist. Ich bin eine Tochter, der das an die Wand gemalte Schreckensszenario vor vielen Jahren passiert ist. Aber ich bin nicht zur Rassistin geworden. Und ich möchte nicht zu einem Argument in einer politischen Debatte degradiert und erneut benutzt werden.

Ich habe sexualisierte Gewalt erlebt. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn ein Leben plötzlich in „davor“ und „danach“ zerfällt.

Und genau deshalb kann ich nicht schweigen, wenn meine Erfahrung jetzt für politische Propaganda herhalten soll.

Ich verweigere mich dem Missbrauch meiner Geschichte für rassistische Politik und der Verharmlosung von Gewalt.

Der Kanzler spricht von „Problemen im Stadtbild“, von Gefahren, die „unsere Töchter“ bedrohen. Rechte und Rechtspopulisten greifen solche Aussagen mit gieriger Selbstbestätigung auf. Endlich, sagen sie, redet jemand, wie sie reden.

Aber sie reden nicht über Gewalt. Sie reden über Herkunft.

Sie reden nicht über Schutz. Sie reden über Kontrolle.

Das Problem sind Männer, nicht Migration

Männer, die Frauen vergewaltigen, misshandeln oder töten, gibt es in allen Schichten, Nationalitäten und Religionen.

Das verbindende Element ist nicht die Herkunft, sondern die Haltung: ein Männlichkeitsbild, das Besitz, Macht und Gewalt legitimiert.

Wenn Politiker*innen Kriminalität auf Nationalität reduzieren oder am „Stadtbild“ festmachen, verhindern sie echte Lösungen und es trifft am Ende meist die Falschen: Menschen, die selbst gefährdet sind, marginalisiert werden oder ein Leben in Sicherheit suchen. Und dabei bleibt das eigentliche Problem unangetastet: patriarchale Gewalt.

Wer wirklich Sicherheit schaffen will, muss bei Prävention, Aufklärung, konsequenter Strafverfolgung und Täterarbeit anfangen – nicht bei rassistischer Stimmungsmache.

Die falschen Beschützer

Und dann sind da die, die plötzlich so laut „unsere Töchter“ rufen. Rechtspopulisten, Rechtsextreme, rechte Kommentatoren, konservative Empörungsprediger.

Sie behaupten, Frauen schützen zu wollen, während sie gleichzeitig jede feministische Politik bekämpfen.

Das sind dieselben, die linken Frauen, Feministinnen, Journalistinnen und Aktivistinnen in der Anonymität des Netzes mit Vergewaltigung drohen, sobald sie widersprechen. Wer so agiert und gleichzeitig migrantische Männer pauschal zu Tätern erklärt, kämpft nicht gegen Gewalt, er kämpft gegen Gleichstellung.

Diese Männer verteidigen nicht Frauen, sie verteidigen ihre Macht über Frauen. Wer Frauenrechte gegen Menschenrechte ausspielt, hat beides nicht verstanden.

Und wer Betroffene instrumentalisiert, um Rassismus zu normalisieren, macht sich mitschuldig an einem Klima der Angst und der Unsicherheit.

Ich will Sicherheit, nicht Scheinheiligkeit

Ich will, dass wir über Gewalt reden. Ich wünsche mir eine Debatte, die Betroffene schützt, anstatt sie zu instrumentalisieren. Ich will, dass Täter Verantwortung tragen, egal wo sie herkommen. Ich will, dass Betroffene ernst genommen werden, ohne dass ihr Leid für Parolen missbraucht wird. Ich will, dass Mädchen und Frauen sicher leben können, in jeder Straße, in jedem Viertel, in jedem Land. Sicherheit für Frauen wurde jedenfalls noch nie durch Rassismus geschaffen.

Wir brauchen eine Politik, die Frauen wirklich schützt: mit verlässlicher Finanzierung von Frauenhäusern, mit Aufklärung, mit Schutzkonzepten in Polizei und Justiz, mit sexualpädagogischer Bildung in Schulen, mit Städtebau, der ohne Angsträume auskommt.

Sicherheit entsteht nicht durch Parolen, sondern durch Strukturen.

Und wenn wir über Männergewalt reden, müssen wir auch über Männer reden. Über Erziehung, Vorbilder, Sprache. Über das, was Jungen lernen, wenn sie lernen, stark zu sein. Es reicht nicht, Täter zu bestrafen – wir müssen verhindern, dass sie zu Tätern werden.

Nicht die Nationalität hat mich verletzt. Männer haben mich verletzt. Männergewalt ist das Problem.

Ich will nicht eure Tochter sein, weil eure angebliche Angst uns nicht schützt, sondern fesselt.

Update 11.11.2025

Diese Kolumne von Alexandra Zykunov im Spiegel spricht mir aus der Seele: Wenn jemand noch mal »Töchter« sagt, raste ich aus

Rückspiegel (7) oder: Bin wieder da

Die letzte Zeit im Rückspiegel: Alltagsbeobachtungen, Anekdoten, Gedanken, die in wenigen Zeilen erzählt sind oder mit einem Bild (oder vielen) ausgedrückt werden können.

Radunfall

Krankenhausbett aus der Perspektive der im Bett liegenden mit Monitor gegenüber vom BettEnde Juni hatte ich einen Fahrradunfall, der mir eine Blaulichtfahrt ins Wolfsburger Krankenhaus samt Rendezvous unterwegs mit einer Notärztin eingebrockt hat. Bremse nur leicht angetippt, aber Vorderrad hat blockiert, unschöner Salto über den Lenker, der mir wohl in den Bauch gedonnert ist, mit dem Kopf gebremst und auf die linke Seite aufgeschlagen. Ich hab noch Glück im Unglück gehabt, „nur“ Gehirnerschütterung, und alles auf der linken Seite geprellt, was geht. Wäre ich ohne Helm oder geringfügig schneller unterwegs gewesen – bloß nicht dran denken. Drei Wochen war ich lahmgelegt und habe gefürchtet, dass meine geplante China-Reise ausfallen muss. Aber am Tag vorm geplanten Abflug waren Röntgenbild und Lungenfunktionstest deutlich besser: arbeiten bzw. urlauben (und fliegen!) wieder erlaubt. Uff.

Urlaub in China

Als erste Aktion nach so langem Rumliegen gleich einen Langstreckenflug anzutreten, war schon sportlich, also nach der Ankunft erstmal wieder hingelegt. Es folgte eine fürchterliche Nachricht aus Deutschland, die durchwachte Nächte nach sich zog. Dazu die Hitze (36 Grad, gefühlt noch heißer), die ich nicht mehr gewöhnt bin – ich musste es wirklich langsam angehen lassen.

Relaxen auf Hainan

Dann bin ich nach Sanya weitergeflogen, um mich dort richtig zu erholen. Gute Entscheidung, ich habe „gar nix muss ich“ zum Urlaubsmotto erhoben, ganz viel geschlafen, aufs südchinesische Meer geguckt, gelesen, geplantscht, gedöst und – völlig untypisch für mich – keinen einzigen Ausflug gemacht, nur kurze Spaziergänge.

Und genau das war das, was ich gebraucht habe. Abstand tut gut, nicht nur der räumliche Abstand, sondern auch die Zeitverschiebung: ich war komplett aus der Welt gefallen und ganz für mich und ganz bei mir. Das tat unglaublich gut. Und jetzt habe ich gute Gründe, irgendwann wieder auf die Insel zu fliegen, da gäbe es tatsächlich einiges zu entdecken und zu unternehmen. Mein Timing war gut: Während ich auf Hainan war, ist Peking untergegangen, und der Tsunami hat es nicht bis Hainan geschafft.

 

Streifzüge durch Peking

Die Verbotene Stadt in Peking vom Kohlehügel aus gesehen

Zurück in Peking habe ich Freundinnen getroffen, Lieblingsorte wieder aufgesucht (z.B. Shichahai, Kohlehügel und den Art District 798) und neues entdeckt (Tempel für Landwirtschaft, der gleichzeitig auch Architekturmuseum ist). Näheres dazu demnächst drüben im Pekingblog. Zwischendrin immer wieder entweder Starkregen, so dass Berge und Mauer kein sicheres Ziel gewesem wären oder es in Richtung Katastrophentourismus gegangen wäre. Immerhin war der Regen warm. Insgesamt krasse Hitze, bin ich nicht mehr dran gewöhnt (gefühlte 45 Grad haben mich an einem Tag dann doch umgehauen). Aber alles, was ich diesmal nicht geschafft habe – läuft nicht weg, nächstes Mal.

Peking ist ganz vertraut einerseits, andererseits gilt nach wie vor: das einzig Beständige in Peking ist der schnelle Wandel. Wow, was hat sich der Liangmafluss verändert, eine Oase mitten im Botschaftsviertel. Wie schnell die neuen Hochhäuser im CBD in die Höhe schießen und sich die Ansichten ändern! Nur die neue Mall, wo früher mal der große Flowermarket war, die ist noch nicht fertig.

Pekings CBD (Central Business District) - Blick bei Nacht aus der Atmosphere Bar, 80. Etage

Ich habe mein Leben in Peking geliebt und denke gerne daran zurück. Und ich werde sicher auch künftig immer wieder mal nach China reisen. Aber es ist nicht mehr mein Zuhause, das Kapitel ist abgeschlossen, und so war es auch in dieser Hinsicht ein wohltuender Urlaub.

Der Alltag hat mich (fast) wieder

Da ich schon vor 4 dank Jetlag hellwach war und dafür später wieder fest eingeschlafen bin, habe ich die heutige Gedenkveranstaltung zu den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki versäumt. Dafür fühle ich mich nun fit genug für John Garner im Volksbad Buckau, das wird sicher ein schöner, unbeschwerter Sommerabend. Mit der Umgestaltung meiner Wohnung lasse ich  mir Zeit, habe nur schon damit angefangen, des Juniors Hinterlassenschaften zusammenzupacken und gut zu verstauen. Morgen lass ich es auch noch mal ruhig angehen, bis mich am Montag dann der Alltag wieder hat – nach über sechs Wochen. Höchste Zeit!

 

 

Nie wieder Hiroshima, nie wieder Nagasaki – warum wir die nukleare Bedrohung nicht vergessen dürfen

Morgen, am 6. August, ist Hiroshima-Gedenktag. Vor 80 Jahren wurde die erste Atombombe auf Hiroshima und drei Tage später eine weitere auf Nagasaki abgeworfen. Diese Gedenktage sind nicht einfach nur Zahlen im Kalender, sondern dahinter steht entsetzliches, massenhaftes Leid. Diese Gedenktage erinnern mich daran, wie zerbrechlich alles ist, was wir oft für selbstverständlich halten: Frieden, Sicherheit, Zukunft. Diese Gedenktage bewegen mich jedes Jahr aufs Neue, denn sie holen auch eine Angst zurück, die mich schon als Kind heimgesucht hat – und die heute wieder erschreckend real wird.

Die Abwürfe, die alles veränderten

Am 6. August 1945 wurde Hiroshima durch die erste im Krieg eingesetzte Atombombe zerstört. Drei Tage später traf es Nagasaki. Hunderttausende Menschen starben sofort oder an den Spätfolgen. Ganze Städte verschwanden in einer Wolke aus Hitze, Druckwelle und radioaktiver Strahlung. Befürworter der Abwürfe behaupten, diese hätten den Krieg beendet. Aber sie haben auch etwas begonnen: das atomare Zeitalter. Plötzlich wusste jeder: Mit einem Knopfdruck kann die Menschheit sich selbst auslöschen.

Die Angst meiner Kindheit

Ich bin mit dieser nuklearen Bedrohung aufgewachsen, als Kind habe ich mich gefürchtet, dass irgendwann einer den roten Knopf drückt. Und dann kam der Film The Day After, dessen Bilder mich wochenlang verfolgt und um den Schlaf gebracht haben: Pilzwolken, gleißendes Licht, brennende Städte – haben mich nachts nicht mehr losgelassen. Ich konnte kaum schlafen. Tagsüber habe ich mir ausgemalt, wo in Hamburg die Bombe einschlagen würde, ob ich überleben könnte, wo ich mich verstecken könnte. Der Film war die Illustration meiner eh vorhandenen Ängste, die mich lange Zeit begleitet haben.

Die Erleichterung, als die Mauer fiel: Das Ende der Geschichte?

Und dann kam dieser Moment, der wohl nicht nur mich mit viel Zuversicht erfüllt hat: der Zusammenbruch des Ostblocks. Das war nicht nur die deutsche Wiedervereinigung, sondern die Angst vor dem dritten Weltkrieg hat sich verflüchtigt: Abrüstung jetzt, wir brauchen keine Waffen mehr, Frieden ist möglich.

Der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama schrieb damals vom „Ende der Geschichte“. Die liberale Demokratie habe gesiegt, die großen Systemkämpfe seien vorbei. Ich weiß, dass man Fukuyamas These später kritisch hinterfragt hat – aber für mich fühlte sich diese Zeit tatsächlich so an. Friedlicher, sicherer. Kein Wettrüsten mehr, Schluss mit der permanenten nuklearen Bedrohung. Die schlaflosen Nächte wurden weniger. Vielleicht naiv, hat sich trotzdem gut angefühlt.

Und jetzt: Zurück in die Bedrohung?

Doch es folgte der Jugoslawienkrieg. 9/11. Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Der grauenhafte Überfall der Hamas und die schrecklichen Folgen. Und diese Liste ist nicht einmal vollständig. Vom Weltfrieden sind wir wieder weit entfernt, unsere Sicherheit war brüchiger, als ich dachte. Wenn der Präsident der USA öffentlich damit prahlt, Atom-U-Boote in Richtung Russland zu schicken – dann wird mir schlecht. Dann bin ich wieder das Kind vor dem Fernseher, das sich fragt: Was passiert, wenn einer von ihnen wirklich auf diesen Knopf drückt? Wir leben in einer Zeit, in der wieder offen über atomare Drohungen gesprochen wird. Verträge werden aufgekündigt, neue Sprengköpfe entwickelt, Machtspiele gespielt, Autokraten drohen mehr oder weniger unverblümt mit Nuklearwaffen. Die Gefahr eines nuklearen Konflikts ist so real wie seit den 80ern nicht mehr.

Hiroshima und Nagasaki verpflichten uns

Gleichzeitig verschwindet die Erinnerung an die, die es erlebt haben. Die Stimmen der Hibakusha (japanisch für die Überlebenden der Atombomben) werden leiser und werden in absehbarer Zeit ganz verstummen.

Abrüstung ist keine naive Utopie. Sie ist eine Notwendigkeit. Und sie beginnt mit Erinnerung – und mit der klaren Haltung, dass wir unsere Zukunft nicht in den Schatten eines roten Knopfes stellen dürfen. Wer heute sagt, nukleare Abrüstung sei gefährlich, irrt gewaltig. Gefährlich ist, zu glauben, wir könnten ewig mit dieser Bedrohung spielen, ohne dass sie irgendwann Wirklichkeit wird.

Ich will nicht, dass meine Kinder oder Enkel einmal so schlafen – oder nicht schlafen – wie ich nach The Day After. Ich will nicht, dass Politiker mit roten Knöpfen prahlen. Ich will, dass Diplomatie, internationale Verträge, Abrüstung und Dialog wieder selbstverständlich werden. Sicherheit entsteht nicht durch Abschreckung, sondern durch Vertrauen, Transparenz und Abrüstung. Das ist keine linke Träumerei – das ist nüchterner Selbstschutz.

Erinnern heißt handeln

Für mich ist der Hiroshima-Gedenktag keine historische Pflichtübung, sondern ein Tag, an dem mir besonders bewusst ist, dass Frieden keine Selbstverständlichkeit ist. Dass die nukleare Bedrohung nicht der Vergangenheit angehört. Und dass es unsere Verantwortung ist, wachsam zu bleiben. Wir dürfen uns nicht einreden lassen, dass nukleare Abschreckung Sicherheit bedeutet. Was uns wirklich sicher macht, ist Abrüstung, Dialog, Diplomatie. Und der Mut, sich diesem Thema immer wieder zu stellen – auch wenn es Angst macht.

Nie wieder Hiroshima. Nie wieder Nagasaki. Das darf nicht nur ein Spruch auf einem Kranz sein.

Ein Zeichen setzen?

Magdeburg erinnert sich am 9. August 2025 ab 10 Uhr auf dem Lukashügel an der Stele der Völkerfreundschaft. Weitere Informationen dazu finden sich hier.

Dieses Posting ist mein Beitrag zur Blogparade #relevant zum Thema „Gedenktage“. Alle Informationen dazu sowie weitere Artikel zum Thema findest Du hier.

Das Nest ist leer

Heute Morgen ist mein Jüngster aufgebrochen. Ein Koffer so groß wie sein Mut und größer als er selbst bei der Einschulung, ein Flugticket nach Asien, wo er ein Gap Year verbringen wird. Ich freu mich sehr für ihn, sowas hätte ich auch gerne gemacht, aber ich war im Abi ja schon schwanger.

Jetzt ein dicker Kloß in meinem Hals. An diesem Tag das letzte Mal ein Kind losgelassen.

1988 – 1992 – 1994 – 2004 – 2006

Meine innere Uhr tickt in Geburtsjahren. Mein Kalender war jahrzehntelang gefüllt mit Kinderturnen und Mamataxi, Elternabenden und Kinderarztbesuchen („Bitte begeben Sie sich in den Seuchenraum…“), Brotdosen und Bioexperimenten, Schulfesten, Pfadfinderheim und Turnhallen, Schwimmen lernen und Musikunterricht, Wäschebergen, Lachen und Tränen, Trotz, Umarmungen, Plänen und Chaos, Antreiben und Bremsen, Erste Male und Letzte Male.

Heute also ein Letztes Mal. Tschüss, mein Baby, mein Kleiner (der mich schon lange überragt).

Ich könnte weinen — oder ich könnte tanzen. Wahrscheinlich mache ich beides. Fünf Menschen, die trotz und wegen mir so großartig sind, wie sie sind. Ich habe mich jahrzehntelang in diesen fünf Menschen wiedergefunden. Jetzt muss ich nachschauen, wer da noch übrig ist, wenn keiner mehr fragt, wo seine Turnschuhe sind.

Vielleicht fange ich an, Bilder zu sammeln — aber nur hässliche. Vielleicht spiele ich alleine Singstar, ohne dass jemand die Augen verdreht und murmelt: „Peinlich, Mama.“ Vielleicht fange ich an, mit mir selbst zu reden — ach was, das mache ich eh schon.

Ich weiß, dass ich mich selbst wieder zusammenpuzzeln kann, zuletzt der Missbrauch Anfang des Jahres und der gerade so halbwegs überstandene Fahrradunfall — Narben auf Haut und Seele. Und immer wieder Umzugskartons im Außen, und innen mein Herz, das wieder zusammenwächst.

Wehmut? Ja. Dankbarkeit? Riesig. Angst? Ein bisschen. Lust aufs Leben? Immer.

Ab heute bin ich dran.

Schweigen, decken, weitermachen

Gestern Abend war ich im Kino, habe den Ritt durch ein wildes, schräges, krass übertriebenes Abenteuer genossen. Zwei Stunden perfekte Realitätsverweigerung im Kino – dann schalte ich mein Handy ein. Die erste Schlagzeile: „Vorwurf der sexuellen Belästigung gegen CDU-Politiker aus Sachsen-Anhalt“.

Der Abend war für mich gelaufen, denn mich hat das in meinen eigenen Schmerz zurückgeworfen: Ekel, Scham, Angst.

Oft werden solche Übergriffe als Einzelfälle abgetan – als wäre es „nicht so schlimm“ oder sie „stelle sich nur an“. Aber nein: Es sind keine Einzelfälle. Und es ist schlimm. Denn wer sexualisierte Gewalt erlebt, wird nicht ernst genommen – sondern entmenschlicht, objektifiziert, zum Spielball männlicher Macht.

Das „Sorry“-Phänomen: Bagatellisierung durch Männer

Inzwischen ist Kurze als parlamentarischer Geschäftsführer, nicht aber als Abgeordneter zurückgetreten. Er werde sich bei der Betroffenen entschuldigen – und glaubt, dass ihn das aus der Verantwortung nimmt? Das ist ein weit verbreiteter Abwehrmechanismus.

Männer in Machtpositionen nutzen Übergriffe, um ihre Dominanz zu festigen. Institutionen decken Täter oft – und die Opfer bleiben isoliert und in der Minderheit.

Durch die schnelle Entschuldigung wird die Situation verniedlicht, man beruft sich auf Missverständnisse oder betont, es sei ja nur einmal vorgekommen. Das funktioniert besonders gut bei Machtgefällen – und die Männer beanspruchen noch im Nachinnein die Deutungshoheit.

In seiner Erklärung betonte Kurze, er habe „die Situation offensichtlich falsch eingeschätzt“ und bedaure, „die Gefühle der betroffenen Frau verletzt“ zu haben. Er wolle sich bei ihr persönlich entschuldigen.

Was auf den ersten Blick nach Einsicht klingen mag, ist bei genauerem Hinsehen ein rhetorischer Rückzug in die Deckung – und vor allem: keine echte Übernahme von Verantwortung.

Das Problem heißt nicht „falsche Einschätzung“

Wer von einer „falschen Einschätzung“ spricht, gesteht kein Fehlverhalten ein, sondern stilisiert sich zum Opfer eines Missverständnisses. Doch sexuelle Belästigung ist keine Frage der Deutung – sie ist ein Übergriff. Sie nimmt einem anderen Menschen die Würde, die Sicherheit, die Autonomie. Wer sie begeht, handelt nicht „unglücklich“ oder „unbedacht“, sondern übergriffig.

„Es tut mir leid, dass du dich verletzt fühlst“

Diese Form der Entschuldigung verschiebt die Verantwortung auf die Betroffene. Es geht nicht um ihre Gefühle, sondern um sein Verhalten. Nicht sie ist das Problem – sondern er. Wer so spricht, lenkt ab. Und das ist Teil eines größeren Musters.

Keine klare Haltung, keine Führungsverantwortung

Kurze ist zwar relativ zügig nach Bekanntwerden des Vorwurfs als parlamentarischer Geschäftsführer zurückgetreten – aber dazu hat auch die öffentliche Empörung beigetragen. Was fehlt, ist eine klare Positionierung der CDU-Spitze. Wenn Fraktionschef Heuer sagt „deshalb nehme ich seine Entscheidung mit Respekt zur Kenntnis“, dann ist das mehr als unangebracht und keine Führungsverantwortung, die hier nötig gewesen wäre. Mal wieder ein Deal hinter verschlossenen Türen, ein Du-du-du als Strafe – und die Betroffene kann sehen, wo sie bleibt?

Die institutionelle Schonhaltung

Dass Kurze nicht wegen seines Fehlverhaltens zurücktritt, sondern weil „die Zusammenarbeit im Parlament beeinträchtigt“ sei, ist bezeichnend. Der Schaden entsteht demnach nicht durch die Tat, sondern durch die öffentliche Thematisierung. Das Opfer? Unsichtbar. Die Struktur? Geschont.

Auch der Kommentar seines Fraktionsvorsitzenden Guido Heuer folgt dieser Logik: „Die Vorwürfe wiegen schwer.“ Mehr nicht. Kein Wort des Schutzes für die Betroffene. Kein politisches Signal gegen Machtmissbrauch. Schweigen im Dienste der Stabilität. Die Presseerklärung der CDU ist ein Musterbeispiel für:

  • Täterzentrierung
  • Emotionalisierte Entschuldigungsrhetorik
  • Vermeidung konkreter Verantwortung
  • Strukturelles Schweigen zum eigentlichen Problem: Sexismus und Machtmissbrauch

Sie zeigt einmal mehr, dass es in solchen Fällen weniger um Aufarbeitung geht – und mehr um Schadensbegrenzung im System.

Wir brauchen einen gesellschaftlicher Kulturwandel

Männer müssen lernen, dass eine Entschuldigung nie ausreichend ist und dass Verantwortung heißt: Zuhören, Konsequenzen akzeptieren, Verhaltensänderung. Der gesellschaftliche Diskurs muss „Sorry“-Mentalitäten durchbrechen.

Einzelfall? Ganz sicher nicht.

Was hier als isoliertes Missverständnis inszeniert wird, ist in Wahrheit Teil des patriarchalen Systems. Übergriffe passieren nicht im luftleeren Raum – sie werden ermöglicht durch Machtgefälle, Abhängigkeiten, Männerbünde und Schweigekartelle.

Und wenn sie bekannt werden, folgt meist ein bekanntes Drehbuch: Erst das Kleinreden. Dann das Bedauern. Schließlich der Rückzug – nicht aus Verantwortung, sondern zur Schadensbegrenzung.

„Sorry“ ist keine Aufarbeitung

Solange Männer glauben, mit einer persönlichen Entschuldigung sei es getan, bleibt alles beim Alten. Es braucht nicht nur Rücktritte, sondern Aufklärung. Nicht nur Betroffenheit, sondern Konsequenzen. Nicht nur Entschuldigungen, sondern strukturellen Wandel.

Was jetzt zählt

Sexualisierte Gewalt ist keine Privatsache. Sie ist politisch. Und sie ist systemisch. Wer sich wirklich glaubwürdig verhalten will, muss aufhören, um den heißen Brei zu reden – und anfangen, die Dinge beim Namen zu nennen: Machtmissbrauch. Sexismus. Übergriffigkeit. Und zwar unabhängig davon, ob sie strafrechtlich relevant sind oder nicht.

Die politische Kultur, die solche Taten duldet, schützt oder verschweigt, muss sich ändern. Und das fängt damit an, dass wir nicht mehr so tun, als sei es „nur ein Einzelfall“. Solange Schweigen politisch opportuner ist als Solidarität mit Betroffenen, bleibt alles wie es ist. Aber wir schulden es allen, die nicht mehr schweigen können: endlich hinzuschauen. Und zu handeln. Für alle Frauen. Und für mich.

 

Es. Tut. Weh.

Ich habe einen Sieg errungen, der sich anfühlt wie eine Niederlage. Der Täter wird Konsequenzen tragen müssen – welche genau, werde ich nie erfahren. Ich halte ein Schreiben in den Händen. Darin steht: „übers Ziel hinausgeschossen“. Und: „Er bedaure“. Die Formulierungen zerreißen mich innerlich.

Das ist, was bleibt. Ein lapidares „Upsi“, während mein Leben in Trümmern liegt. Ich sitze hier mit zitternden Händen, Herzrasen und Bildern im Kopf, die nicht verschwinden wollen. „Übers Ziel hinausgeschossen“, sagt er – dabei war es Grenzüberschreitung. Übergriffigkeit. Machtmissbrauch. Missbrauch.

Aber ja: Das Verhalten wird – wie auch immer – geahndet. Ich habe also „gewonnen“. Irgendwie. Doch die Wahrheit ist: Ich hatte von Anfang an verloren.

Der eigentliche Verlust begann viel früher. In dem Moment, in dem mein Körper nicht mehr mir gehörte. In dem mein Kopf nur noch Flucht plante, ich aber eingefroren bin. Überlebt habe ich irgendwie – neben mir stehend.

Heute habe ich eine Diagnose: PTBS. Ich gehe mit Pfefferspray durch Tag und Nacht. Ich zucke bei Geräuschen zusammen. Ich kann Menschen nicht mehr trauen. Ich fühle mich selten sicher – nicht einmal in meinem eigenen Körper. Und selbst wenn ich mich doch mal sicher fühle, triggert irgendetwas ganz Banales. Mein Nervensystem weigert sich, zur Ruhe zu kommen. Ich habe gelernt, meine Angst zu tarnen, damit niemand sieht, wie kaputt ich bin.

Ich habe gehofft, dass es etwas verändert, wenn ich spreche. Dass sich etwas bewegt, wenn ich den Mut finde, nicht nur zu erleiden, sondern zu benennen. Doch dann kam der Brief. Und da stand nicht Gerechtigkeit. Da stand nicht Anerkennung. Da stand: „Er bedaure“. Da stand: „schwierig“. Da stand sinngemäß: Ups.

Ich könnte schreien. Stattdessen: Schmerz. Ohnmacht. Ich wünschte, ich könnte das herausschreien.

Wie soll ich nun reagieren auf eine Welt, die mich so beiläufig abtut? Wie soll ich weiterleben in einem Körper, der dauernd Alarm schlägt, während das System Akten schließt? Das System schützt sich selbst. Nicht mich.

Ich bin müde. Nicht nur von den Nächten, in denen ich nicht schlafen kann. Sondern von der Dauer dieser Unsicherheit. Der Einsamkeit. Der ständigen Frage: Bin ich zu empfindlich? Und ich weiß: Diese Frage ist nicht meine. Sie wurde mir vom System aufgeladen. Müsste es jetzt nicht so langsam mal gut sein? Ich wünschte, das wäre so. Wenn ich das beschließen könnte: sofort. Zack, alles wieder gut. Aber so funktioniert das nicht.

Was bleibt: Keine Antworten. Keine Heilung. Nur Narben.

Dieser Brief, der irgendwie Gerechtigkeit bedeuten soll, reißt in mir alles noch einmal auf. Er macht auf schmerzhafte Weise klar: Selbst wenn man alles „richtig“ macht, bleibt man zurück – mit Schmerz, mit Misstrauen, mit einem Leben, das nie wieder wird wie vorher. Ich habe keine Gerechtigkeit erlebt. Ich habe einen Verwaltungsakt erlebt. Einen, der mir formal Recht gibt, aber menschlich alles falsch macht. Der sagt: Ja, das war nicht in Ordnung. Und gleichzeitig: Aber auch nicht schlimm genug, um es beim Namen zu nennen.

Was bleibt, bin ich. Mit einem zerschlagenen Sicherheitsgefühl. Mit einem Körper, der sich fremd anfühlt. Mit einem Leben, das nicht wieder leicht geworden ist. Die Scham ist nicht gegangen. Sie ist nur tiefer reingekrochen.

Trotzdem sprechen. Trotzdem da sein. Ich schreibe das nicht, weil ich abgeschlossen habe. Ich schreibe das, weil ich es nicht länger in mir einschließen will. Weil ich nicht mehr schweigen möchte, nur weil der Raum keine Sprache für meinen Schmerz kennt.

Es wird wieder passieren. Nicht nur mir. Anderen Frauen. Immer wieder. Und jedes Mal wird jemand sagen: „Missverständnis“. „Übers Ziel hinausgeschossen“. „Bedauerlich“. Und jedes Mal wird jemand hoffen, dass wir es leise ertragen. Dass wir es schlucken.

Aber ich bin hier. Nicht geheilt. Nicht stark. Aber wach.

Und wenn ich schon mit dieser Scham leben muss, dann soll sie wenigstens nicht mehr unsichtbar sein. Dann soll wenigstens klar sein:
Ich war nicht das Problem. Ich bin nicht das Problem.

Vielleicht liest das eine, die denkt: Ich dachte, ich bin allein mit diesem Gefühl.
Du bist es nicht. Und vielleicht reicht das für heute.

Ob das alles strafrechtliche Konsequenzen haben wird? Das liegt bei der Staatsanwaltschaft. Eine Einstellung des Verfahrens wäre keine Überraschung. Aber eine weitere, tiefe Verletzung.

Sleepless

I wanna sleep without the falling,
dream without the fight.
Just one night without the running,
just one breath of quiet light.

I wanna sleep without the shadows,
dream without the weight.
One still night without the echoes,
a moment free from fate.

I wanna sleep without the drowning,
dream without the scream.
One short night without the chasing,
Just one hour without the dream.

I wanna sleep without resistance,
dream without a war.
One night that doesn’t hurt to enter,
no fear behind the door.

I wanna sleep without surrender,
dream and still survive.
One night, no brace for impact,
just breathe and feel alive.

I wanna heal without the hurting,
grow beyond the past.

I wanna rest without the breaking,
live without the fear.